“Betriebsstörung” – die Jazz-Diskussion geht weiter
Nachdem ich gestern eher zufällig über den SZ-Artikel und die Aufregung darüber auf diversen facebook-Seiten gestolpert bin, habe ich mir heute die posts ein bisschen genauer angesehen. Nun bin ich kein Musiker, stecke nicht in diesem ganzen Kulturbetrieb und kann deswegen auch nicht beurteilen, wie die Lage der Jazzmusiker im Allgemeinen und im Speziellen aussieht.
Trotzdem fällt erstmal auf, dass Michael Hornstein wegen seines Artikels durchgehend und rundum fertig gemacht wird. Und zwar nicht, indem seine Argumente/Darstellungen kritisiert/zerrissen/widerlegt werden, sondern indem er als schlechter Musiker niedergemacht wird, der deswegen auch nichts Gescheites zu sagen habe. Das steigert sich in den Vorwurf an die SZ, “jemandem wie Michael Hornstein in diesem Umfang über einen künstlerischen Musikbereich Sprach- und Urteilsrecht in einer Zeitung wie der Süddeutschen einzuberaumen”.
Wie bitte? Pressefreiheit, Meinungsfreiheit? Nicht das Urteil der Jazz-Aufsicht eingeholt?
Ich habe mir auch deswegen den Hornstein-Artikel noch mal genauer angesehen. Zwei Passagen fallen mir auf:
“Viele Redakteure, Journalisten und Veranstalter in Deutschland haben sich selbst als Jazzmusiker versucht, konnten sich aber nicht etablieren. Statt nun die Finger von der Musik zu lassen, kommen sie als Redakteure in Machtpositionen, in denen sie die musikalischen Vorstellungen, mit denen sie schon einmal gescheitert sind, doch noch ausführen lassen können. Von Musikern, die jetzt von ihnen abhängig sind. Die wiederum müssen das Spiel mitmachen, damit sie überhaupt über die Runden kommen. Gerade intelligente junge Musiker ahnen, was der Betrieb erwartet und bieten dann genau das: eine vollkommen idiosynkratische Kunstmusik. Und genau hier kommt dann auch noch die Hybris des deutschen Kulturbetriebs dazu, dessen Grundannahme zu sein scheint: Gerade weil diese Musik vom Publikum nicht verstanden und abgelehnt wird, muss sie große Kunst sein. In Wirklichkeit ist es eine groove- und humorfreie Musik, die im Grunde niemanden interessiert.”
“Eine große Rolle spielen auch die zahlreichen neu gegründeten Jazz-Hochschulen: Hier unterrichten meistens nicht Musiker, die erfolgreich waren, sondern vor allem Musiker, die selbst aus dem Hochschulsystem kommen, das aber vom echten Konzertbetrieb weitgehend abgeschnitten ist. Letztendlich unterrichten hier also Musiker, die nie professionell Jazz gespielt haben, Musiker, die nie professionell spielen werden. Mit einer Musik, die mit ihrem Publikum auf zeitgemäße und elegante Art kommuniziert, hat das wenig zu tun. “
Besonders die “groove- und humorfreie Musik” lässt ja einige Leute ziemlich hochkochen, aber das ist erstmal egal. Ich finde das Gesagte jedenfalls nicht völlig unschlüssig (und, nebenbei, besser formuliert als manche Kritiken, die Hornstein neben Inkompetenz auch schlechten Stil vorhalten). Und wenn er Recht hat, hat er Recht. Und wenn nicht, können die Leute, die ebenfalls in dem Betrieb stecken, sicher erläutern warum. Das finde ich aber bisher nicht wirklich, stattdessen wortreiche Ausführungen, warum ein Mann, der auf einer Café-del-Mar-CD stattfindet, zum Jazz nichts beizutragen hat.
Jetzt wird ein gemeinsamer Leserbrief an die Süddeutsche aufgesetzt.
Da bleiben wir doch sehr neugierig.
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Schlagworte: Diskussion
Zu danken ist für den Beitrag von Michael Hornstein. Diese die Jazz-Musikkultur abtötende Situation war seit Joachim Ernst Berendt vorauszusehen, dessen vehement propagierter Nonsens, nur was morgen kommt ist gut, alles andere “Ex- und hopp” und seine willfährigen Gefolgsleute in den Funkhäusern haben die vielfältige Jazz-Szene Deutschlands nachhaltig zerstört, Grundsätzlich gilt: es darf dem Publikum nicht gefallen, wer mit dem Fuß wippt ist schon daneben, Swing, erkennbare Improvisationen über bekannten Harmonien, um Gotteswillen. Doch wenn die jungen Top-Musiker der Swingin’ Fireballs aus Bremen auftreten oder Thilo Wolfs Bigband aus Fürth, dann jubelt das junge Publikum – doch das kümmert die kunstbeflissenen “Jazzkenner” nicht.
Gerhard Klußmeier, Rosengarten